„Ich stehe als Feldrabbiner zur Verfügung“
der Essener Rabbiner Paul Lazarus[1] 

– Sabine Hank[2] –  

Vorwort

Die Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Juden in Berlin und seinem Umfeld, aber nicht nur dort, aufzuarbeiten. Dabei will sie den jüdischen Beitrag zur Gesellschaftsentwicklung in Deutschland dokumentieren und das Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung und -vernichtung bewahren. Das Centrum archiviert entsprechende Zeugnisse, wertet sie aus und publiziert die Ergebnisse.

Einen Schwerpunkt der Forschungsarbeit unseres Hauses stellt die Geschichte der Juden im Ersten Weltkrieg dar. Im Rahmen dessen beschäftigen wir uns seit etwa zehn Jahren mit dem Thema Feldrabbiner. Hierzu bewahrt das Archiv der Stiftung in größerem Umfang Quellen (ca. 170 Akten) aus dem Bestand des Gesamtarchivs der deutschen Juden.

Dabei handelt es sich vor allem um Überlieferung des Verbandes der deutschen Juden, des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, welche die jüdische Militärseelsorge zum Inhalt haben. Der erstgenannte Verband führte für die Feldrabbiner Korrespondenzakten. Eben das war der Ansatzpunkt, uns dem Phänomen des Feldrabbinats zuzuwenden. Die diesbezüglichen Quellen wurden gesichtet und ausgewertet; die daraus und aus weiteren intensiven Quellenstudien und Recherchen gewonnenen Erkenntnisse wurden jüngst veröffentlicht.[3] Im Zuge unserer Arbeit wurde auch eine Ausstellung entwickelt, die wir erstmals im Mai 2009 in Berlin präsentierten; seitdem wandert sie durch die Bundesrepublik.

Paul Lazarus – Feldrabbiner in Mazedonien

 

Paul Lazarus wurde am 30. Oktober 1888 in Duisburg als jüngster Sohn des jüdischen Predigers und Lehrers Raphael Lazarus und seiner Frau Betty geb. Leseritz geboren. Er wuchs in Köln und Göttingen auf und besuchte zunächst die Bürgerschule in Köln und die gehobene Mittelschule in Göttingen, dann seit 1898 das dortige Königliche Gymnasium, später das Königliche Friedrichs-Gymnasium in Kassel, wo er 1907 das Abitur ablegte. Von 1907 bis 1910 studierte Lazarus Geschichte an der Universität in Breslau, zwischenzeitlich auch an der Universität Marburg und zuletzt 1910/1911 an der Universität Erlangen. Dort wurde er 1912 zum Dr. phil. promoviert.[4] Gleichzeitig studierte er von 1907 bis April 1914 Theologie am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau, um Rabbiner zu werden. Im Januar 1915 erhielt Lazarus sein Rabbinatsdiplom. Seine erste Stelle trat Paul Lazarus als Zweiter Rabbiner (neben Salomon Samuel) und Religionslehrer offiziell am 1. September 1914 bei der Synagogengemeinde Essen an. Dies allerdings in äußerst turbulenter Zeit: Der Weltkrieg war gerade ausgebrochen und Lazarus wurde schon im August als Kriegsfreiwilliger eingezogen.

Darüber, dass es im Ersten Weltkrieg eine institutionalisierte jüdische Militärseelsorge in Gestalt des Feldrabbinates gab, dürfte in der Forschung Konsens herrschen. Interessant ist die Frage, wie sich die jüdische Feldseelsorge etablierte und wie sie dann in der Praxis funktionierte. Dies soll im Folgenden am Beispiel des Einsatzes unseres Protagonisten behandelt werden.

Sofort mit Beginn des Weltkrieges bemühten sich der Verband der deutschen Juden und die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums um die Zulassung von Feldrabbinern zur Ausübung der Seelsorge an den jüdischen Heeresangehörigen. Die erste diesbezügliche Eingabe vom Ausschuss des Verbandes datiert vom 6. August 1914 und ist an das Geheime Kabinett für Militärangelegenheiten gerichtet und wurde von diesem an das preußische Kriegsministerium weitergeleitet.[5] Für den weiteren Gang der Ereignisse, der letztlich zur Zulassung von Feldrabbinern in den deutschen Streitkräften führte, hatte diese Eingabe eine Initialfunktion. Sie war auch Vorlage für ähnliche Eingaben bei Kriegsministerien der anderen Bundesstaaten. In dem zwischen dem Verband und dem preußischen Kriegsministerium geführten Schriftverkehr wurden die Bedingungen für den Einsatz und die Ausstattung der Feldseelsorger ausgehandelt.

Am 4. August, also noch vor der Eingabe, verschickte der Verband eine Um- bzw. Anfrage an Rabbiner, um zu klären, ob sie bereit sind, als Feldseelsorger zu wirken. Die Akten belegen, dass sich im Laufe desselben Monats bereits 81 Rabbiner beim Verband schriftlich meldeten und zur Verfügung stellten. Um einen schnellen Überblick über die relevanten Informationen zu erlangen, gab der Verband Vordrucke heraus, die die Einheitlichkeit der freiwilligen Meldungen gewährleisteten. Es wurde u. a. gefragt nach Alter und Staatsangehörigkeit, Anzahl der Amtsjahre und Militärverhältnis.[6] Der Verband seinerseits stellte folgende Anforderungen an die Kandidaten: Sie mussten ein theologisches Studium abgeschlossen haben, bereits erfahrene Rabbiner einer Gemeinde sein und von dieser für das Amt freigestellt werden. Außerdem erwartete man eine stabile Konstitution und ein angemessenes Alter. Damit ähneln die zu erfüllenden Voraussetzungen denen der christlichen Konfessionen.

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Paul Lazarus gehörte zu den Rabbinern, die sich umgehend meldeten. Schon am 13. August 1914 per Telegramm und am gleichen Tag durch eine Postkarte an den Verband der deutschen Juden erklärte er seine Bereitschaft, ein Feldrabbineramt zu übernehmen.[7] Er erfüllte allerdings nicht alle genannten Voraussetzungen. Zwar hatte er seine Studien abgeschlossen, fungierte aber noch nicht als Rabbiner der Essener Synagogengemeinde. Im Übrigen hatte er sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Kriegsfreiwilliger gemeldet.

Die Vorauswahl unter den Kandidaten für ein Feldrabbineramt traf eine vom Verband der deutschen Juden eingesetzte Kommission. Die von ihr mit Zustimmung der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums unterbreiteten Vorschläge wurden den Kriegsministerien in Form von Listen vorgelegt. Diese entschieden in letzter Instanz, wer als Feldrabbiner angenommen/zugelassen wurde und auch über dessen Einsatzort. Damit war die Grundlage für die Schaffung einer jüdischen Militärseelsorge gelegt.

Noch im September 1914 traten Leo Baerwald (München), Leo Baeck (Berlin), Georg Wilde (Magdeburg), Emil Levy (Berlin), Arthur Levy (Berlin), Georg Salzberger (Frankfurt/Main) und Bruno Italiener (Darmstadt) ihr Feldrabbineramt an.

Paul Lazarus kam indes noch nicht zum Einsatz. In einem Telegramm an den Verband der deutschen Juden vom 18. August 1914 erneuerte er nochmals sein Anliegen. Der Verband reagierte darauf abschlägig.[8] Am 13. April 1915 fragte Lazarus, zu dieser Zeit als Kanonier beim 1. Rekruten-Depot, Fußartillerie-Regiment Nr. 10 in Königshofen bei Straßburg (Elsass) eingesetzt, wieder an mit dem Argument, „daß ich als Feldgeistlicher da draußen für unser schwer bedachtes Vaterland mehr wirken kann als ich es als Kanonier je tun könnte.“ Aufschlussreich ist die Antwort des Verbandes, der feststellte, „dass zur Verwendung als Feld-geistlicher niemand der Behörde vorgeschlagen werden sollte, der bereits zum Dienst mit der Waffe eingestellt ist, da auch der blosse Schein vermieden werden muss, als sollte jemand durch die Verwendung als Feldgeistlicher dem Dienst mit der Waffe entzogen werden.“ Daraufhin reklamierte die Essener Gemeinde Lazarus. In einem Brief vom 28. Mai 1915 wiederholte dieser seine Meldung und teilte mit, er stehe nun als Geistlicher der Synagogengemeinde dem zuständigen Bezirkskommando zur Verfügung und könne als Seelsorger oder Sanitäter eingezogen werden. [9] Im November 1916 fragte schließlich der Verband seinerseits bei Lazarus an, ob er bereit wäre, den Posten eines Feldrabbiners in Mazedonien oder in der Dobrudscha zu übernehmen. Im Dezember trat Lazarus dann sein Amt als Feldrabbiner bei der 11. Armee in Mazedonien an. Er wurde Nachfolger von Feldrabbiner Jacob Sänger, der einen neuen Bereich übernahm.

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Der Verband der deutschen Juden schlug nicht nur die Feldrabbiner vor, sondern legte auch deren äußeres Erscheinungsbild fest. Die von ihnen selbst zu beschaffende Uniform sollte sich an jener der christlichen Feldgeistlichen orientieren und bestand aus einem feldgrauen Rock mit lila Besatz, Reithose, Gamaschen, Schnürstiefeln, grauem Südwester, feldgrauer Schirmmütze, Kavalleriemantel (Offiziersschnitt) und Armbinde mit Genfer Kreuz. Als Rabbiner trugen sie statt des Kreuzes einen Davidstern an der Mütze und an einer Halskette.

Zur Legitimation der Feldrabbiner gehörte auch ein Ausweis. Das in den Akten des Centrum Judaicum vorliegende Blanko-Formular „Ausweis für den Rabbiner zur Ausübung der jüdischen Seelsorge bei der mobilen Armee„ fand vermutlich bei allen Feldrabbiner Verwendung [10]. Für Lazarus ist ein solches Formular in den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem überliefert.

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Lag die gesamte Organisation der Rahmenbedingungen für die Ausübung der Militärseelsorge beim Verband der deutschen Juden, so war deren konkrete Ausgestaltung Sache der Feldrabbiner.
Die Dienstanweisung für Feldrabbiner vom 23./24. Oktober 1917 (bearbeitet von Feldrabbiner Reinhold

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Lewin) führt als die drei Hauptgebiete der Tätigkeit Gottesdienste, Lazarettbesuche und Beerdigungen an.[11] Sali Levi nennt in seiner Denkschrift über die jüdische Feldseelsorge bei der von ihm betreuten X. Armee vom 8. Mai 1918 als einen vierten Punkt noch die Versorgung mit Lesestoff.[12] Dabei war Kernaufgabe der Feldrabbiner natürlich immer die Seelsorge – in den Gottesdiensten, auch für jüdische Kriegsgefangene, bei den Begegnungen und Gesprächen mit den Soldaten, beim Besuch von Verwundeten und Kranken in Lazaretten und bei den Beerdigungen. Paul Lazarus berichtet über seine ersten Eindrücke im Januar 1915: „Wenn auch meine Tätigkeit hier in Mazedonien mit recht grossen Schwierigkeiten verknüpft ist, da die Bahnen im Süden fast ganz fehlen oder in feindlichem Besitz sind, die Wege aber über die Pässe des Gebirges unwegsam, die Unterkunftsverhältnisse überall so dürftig sind, dass man froh ist, wenn der Tag anbricht, so entschädigt mich aber dafür meine Tätigkeit. Noch nie bin ich mir so der Grösse meines Berufes bewusst geworden, als in den Augenblicken, da hier im fernen Lande die Glaubensbrüder vor mir standen und mit Tränen in den Augen meinen Worten lauschten. – Ich sprach in den vergangenen Wochen in all den Ansprachen über den Optimismus, der uns Juden beseelt und über Hoffnungsfreudigkeit; denn mehr als die anderen Kameraden müssen sie hier leiden. Kämpfen sie doch in einem Lande, das ausser den Gefahren des Krieges ihnen noch Krankheiten aller Art bringt; erschreckend gross ist die Zahl der Opfer, die Malaria, Typhus und Ruhr, ganz besonders im Sommer, erfordern. Und so sind sie dankbar für jedes ermunternde Wort, ganz besonders diejenigen unter ihnen di[e] in den zahlreichen Feld- u. Kriegslazaretten liegen.“[13]

Der Seelsorge diente ebenso die Versorgung der Soldaten mit religiöser Lektüre wie Feldbibeln, Feldgebetbücher und zu Pessach Hagadot sowie die Herausgabe spezieller Schriften zu jüdischen Feiertagen. Es wurden außerdem ‚Liebesgaben‘ (vor allem Tabak und Schokolade, aber auch Alkohol und anderes) sowie Zeitungen und Zeitschriften aus der Heimat verteilt. Die Feldrabbiner organisierten auch Zusammenkünfte, Unterhaltungsabende und Vorträge für die Soldaten.

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In einem Brief vom April 1917 beschreibt Lazarus das Begehen des Pessachfestes in Üskub (dem heutigen Skopje) folgendermaßen: „Lange hatte es seine Schatten vorausgeworfen und endlich waren alle Vorbereitungen beendet. Das Fest konnte beginnen. Vier grosse Kisten Mazzoth waren auf meine Bestellung hin von der ‚Freien Vereinigung‘ ca. 3 Wochen vor dem Feste eingetroffen; Hagadas hatte mir teils der Allgemeine Rabbiner-Verband zur Verfügung gestellt, teils waren sie in einer Berliner Buchhandlung gekauft. Für diejenigen Kameraden, die auch hier im Felde nur rituell sich beköstigen, hatte ich einige Flaschen rituellen Wein in Deutschland bestellt. Alles übrige zur Mahlzeit Notwendige hatte mir die Militärbehörde bereitwillig abgegeben, wie denn überhaupt die Militärbehörden mir überall mit dem grössten Entgegenkommen begegneten. Die Geldmittel erhielt ich vor allem von meiner Heimatgemeinde Essen. Den dort bestehenden Ausschuss zur Unterstützung der jüd. Feldseelsorge im Bereich der 11. Armee hatten mehrere Logen und Nachbargemeinden sowie zwei Jugendvereine finanziell unterstützt. Vom Rabbiner-Verbande habe ich keine finanzielle Beihilfe erhalten; lediglich meine Heimatprovinz kam für alle Kosten auf. Das Bewusstsein hunderten von jüdischen Kameraden an der mazedonischen Front wahre Festtage bereitet zu haben, die einem Jeden für sein Leben lang in Erinnerung bleiben werden, mag der schönste Lohn für alle Helfer in Rheinland und Westfalen sein. – Ca. 350-400 Mann nahmen an den Seder-Abenden teil; aus allen Gauen Deutschlands stammten sie, vor allem aus Berlin, Schlesien, Posen, Ostpreussen. […] An langen, weiss gedeckten Tischen, die nach Möglichkeit mit Blumen geschmückt waren, hatte man Platz genommen. Eine frohe Stimmung herrschte; ein Jeder freute sich wieder einmal Jude unter Juden sein zu dürfen. Auch konnte ich 50 Exemplare des Werkes meines Amtsgenossen Dr. Samuel ‚Bibel und Heldentum‘ zur Verteilung gelangen lassen.“[14]

In ihrer Tätigkeit hielten die Feldrabbiner die Verbindung zur Heimat. So nahmen sie Kontakt zu den Angehörigen verwundeter oder gefallener Soldaten auf, die sie von deren Schicksal in Kenntnis setzten und denen sie Trost spendeten. Regelmäßig sandten sie auch Berichte an den Verband der deutschen Juden und an ihre Gemeinden. Vieles davon wurde auch in den jüdischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. So konnten die Leser des Gemeindeblattes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin von November 1914 bis Mai 1918 z. B. alle Berichte von Feldrabbiner Leo Baeck an den Gemeindevorstand verfolgen. [15] Eine derartige Korrespondenz ist auch von Lazarus überliefert, für den – wie für eine Reihe anderer Feldrabbiner – eine sog. Handakte existiert.

Auch mit dem latent immer vorhandenen Antisemitismus in den deutschen Streitkräften hatten sich die Feldrabbiner auseinanderzusetzen, verstärkt war dies nach der sog. Judenzählung vom November 1916 der Fall. Das spiegelt sich in der Korrespondenz wie in den Konferenzprotokollen der Feldrabbiner. Der Verband fragte bei allen Feldrabbinern nach der Resonanz der Zählung insbesondere unter den jüdischen Heeresangehörigen. Von Paul Lazarus ist in unseren Quellen keine direkte Aussage dazu vorhanden.

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Allerdings äußert er sich im Vorwort zum von ihm herausgegebenen „Jüdischen Notizkalender für das Kriegsjahr 5678 (1917/18)“ sicher auch vor diesem Hintergrund der Zählung mehr oder weniger direkt zum Antisemitismus: „Mit Zuversicht wollen wir dem neuen Jahre entgegengehen. Uns schrecken nicht die Wolken, die im Laufe des vergangenen Jahres den Horizont verdunkelten. Wir hegen die feste Hoffnung, dass nach des Krieges heißen Tagen doch noch einmal glücklichere Zeiten für uns Juden anbrechen werden, Zeiten, in denen uns niemand verachtet, niemand schmäht, nur weil wir Juden sind, Angehörige der Gemeinschaft, die mit beispiellosem Heldenmut ihren Weg durch die Jahrhunderte gewandelt ist. Wie bisher, so werden wir auch fernerhin hier draußen und daheim unsere Pflicht tun bis zum letzten Atemzuge, wie die Kameraden von uns, die für das Vaterland ihr Letztes hingegeben, ihre Kraft und ihr Leben, und derer wir heute mit Stolz und Wehmut gedenken. Sie haben die Treue zur deutschen Heimat und zum Judentum mit ihrem Tode besiegelt und ruhen nun in fremder Erde. Ihr Andenken wollen wir heilig halten, so lange wir leben; wir wollen uns ihrer würdig zeigen und mit ganzer Kraft uns dem Vaterlande weihen, das wir nicht aufhören zu lieben, mit ganzer Seele, mag kommen, was da will. Denn nicht rechnen wir bei unserm Tun auf Dankbarkeit und Lohn, sondern wir handeln, wie es unser Gewissen uns gebietet. Wir schauen nicht nach rechts und nicht nach links; wir kümmern uns nicht um das, was die Feinde unserer Religion von uns sagen; wir sind eingedenk der Worte die vor drei Jahrzehnten zur Zeit des Kampfes gegen den Antisemitismus in einer Denkschrift junger, stolzer, deutscher Juden standen: ‘Wir werden es ihnen niemals recht machen, darum wollen wir es uns selbst recht machen.‘“[16]

Die Arbeit der Feldrabbiner erfuhr im Osten noch eine nicht unwesentliche Ausweitung. Die hier stationierten Rabbiner fungierten auf Wunsch ihrer Armeeoberkommandos als Bindeglied zwischen diesen und der ansässigen jüdischen Bevölkerung und engagierten sich mit Genehmigung der AOK’s auch bei Hilfsaktionen. So traten Aron Tänzer, Sali Levi und Leopold Rosenak als Organisatoren von Volksküchen, handwerklichen und landwirtschaftlichen Ausbildungsstätten sowie jüdischen Bildungseinrichtungen in Erscheinung.

Kein Zweifel sollte darüber bestehen, dass die Feldrabbiner Vertreter ihrer Armee waren und im Interesse und mit dem Einverständnis der vorgesetzten Stellen zu handeln hatten. In einem Bericht Tänzers finden sich bspw. Ausführungen über eine Predigt in Pinsk (Weißrussland), in der er die Zivilbevölkerung zu Gehorsam und Dankbarkeit gegenüber den deutschen Behörden aufforderte, oder über seine Aufgabe als Übersetzer von Bekanntmachungen. Ähnliches lässt sich für andere Feldrabbiner im Osten belegen.

Die Feldrabbiner trafen zu Beratung, Erfahrungsaustausch und Absprache auf gemeinsamen Konferenzen zusammen. Das geschah getrennt nach Ost- und Westarmeen. Diese Treffen wurden protokolliert und der Verband erhielt hiervon Abschriften. In den Beständen des Gesamtarchivs enthält eine Akte diese Protokollabschriften.[17] Behandelt wurde auf ihnen das ganze Spektrum an Themen, mit denen die Feldrabbiner in ihrer Arbeit konfrontiert waren. Das betraf den wichtigsten Bereich, die Seelsorge, ebenso wie vieles Weitere, z. B. die Stellung der Feldrabbiner und ihre Ausstattung oder die Gestaltung der Beziehungen zu den Verbänden und Gemeinden in Deutschland. Ziel war es, die seelsorgerische Arbeit zu strukturieren, zu regeln und damit möglichst einheitlich zu gestalten.

Paul Lazarus wie auch seine Kollegen auf dem Balkan nahm an keiner der Konferenzen teil. Die Zusammenkünfte im Osten waren, wenn sie überhaupt in Frage kamen, für diese Rabbiner schlicht nicht erreichbar. Nachweislich wurden sie jedoch über Verlauf und Beschlussfassung der Ost-Konferenzen durch Protokollabzüge informiert. Ebenso belegt ist, dass es informelle Treffen zwischen den drei Balkan-Rabbinern Lazarus, Hirsch (Hugo) Gradenwitz und Jacob Sänger gab.

Ergebnisse der Zusammenkünfte waren auch die schon erwähnten Dokumente – die Dienstanweisung für Feldrabbiner (1917) und Sali Levis Denkschrift über die jüdische Feldseelsorge bei der X. Armee (1918), und schließlich auch die Denkschrift über die Organisation der jüdischen Militärseelsorge im deutschen Heere[18] (ebenfalls 1918).

Letztere stellt so etwas wie ein Vermächtnis der Feldrabbiner des Ersten Weltkrieges dar, denn in ihr wird vor dem Hintergrund der gesammelten Erfahrungen der Versuch unternommen, bleibende Strukturen einer jüdischen Militärseelsorge auch für die Zeit nach dem Krieg zu entwickeln: Jüdische Militärseelsorge sollte aus Sicht der Feldrabbiner zu einer dauerhaften Einrichtung werden. Folgerichtig enthält die Denkschrift als letzten Punkt den Entwurf einer Organisation der jüdischen Militärseelsorge (A. Im Frieden – B. Im Kriege).

Bis August 1918 bekleidete Paul Lazarus das Feldrabbineramt. Im Januar 1918 erhielt er das Eiserne Kreuz 2. Klasse und das Ritterkreuz des kaiserlich-österreichischen Franz Joseph-Ordens mit der Kriegsdekoration.

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Gegen Ende seiner Tätigkeit litt Lazarus unter einem angegriffenen Gesundheitszustand, welcher durch die sehr schlechten Verhältnisse und insbesondere das Klima in Mazedonien bedingt war. Dementsprechend bat er den Verband um eine Versetzung bzw. Beurlaubung. Im Juni und Juli 1918 reklamierte ihn dann auch die Essener Synagogengemeinde, der er für umfangreicher gewordene Aufgaben zunehmend fehlte. Ebenso erfolgte aber im Juli 1918 die Reklamation durch die Israelitische Kultusgemeinde Wiesbaden, zu deren Stadt- und Bezirksrabbiner Paul Lazarus gewählt worden war.

Diese Ausführungen über das Feldrabbinat im Allgemeinen und das von Paul Lazarus im Besonderen sollen mit zwei Reflexionen abgeschlossen werden. Feldrabbiner Leo Baerwald bewertete seine Tätigkeit resümierend: “Man hat öfter gesagt, der Geistliche unserer Glaubensgemeinschaft sei mehr Lehrer als Seelsorger. Nun, im Kriege wenigstens hat fast immer das Lehramt hinter dem Seelsorgeramt zurücktreten müssen. Die Kameraden kamen uns mit Vertrauen entgegen und dem Wunsche, Menschen zu finden, mit denen sie sich über vielerlei aussprechen konnten. […] So kamen sie zu uns, haben uns Vertrauen entgegengebracht und uns mehr als je die Schönheit unseres Berufes fühlen lassen, der uns erlaubt, jedem Freund zu sein, der unsere Freundschaft annehmen will –.“[19] In diesem Sinne ist wohl auch Paul Lazarus zu verstehen, wenn er in einem Schreiben am Ende seines Kriegseinsatzes rückblickend äußert: „Gestatten Sie mir zum Schluss, schon heute dem verehrlichen Verbande meinen Dank aussprechen zu dürfen, dass ich 21 Monate dank der Hilfe des Verbandes hier draußen als Feldgeistlicher wirken durfte. Wenn ich auch unter den schwierigsten Verhältnissen, in ungesundem Lande meine Tätigkeit ausüben musste, so gehört doch die Zeit meiner Wirksamkeit im Felde zu der schönsten in meinem Leben. Zuversichtlich hoffe ich, auch manchem der Kameraden hier draußen Trost und Hoffnung gebracht zu haben.“[20]

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg übernahm Paul Lazarus am 1. Oktober 1918 das Amt des Stadt- und Bezirksrabbiners der Israelitischen Kultusgemeinde Wiesbaden. Er heiratete 1925 Jadwiga (Hedwig Judith) Walfisch. In Wiesbaden wurden dann auch die beiden Töchter Hanna (1927) und Eva (1930) geboren. Im Januar/Februar 1939 konnte die Familie nach Palästina emigrieren. Bis 1950 arbeitete Paul Lazarus in Haifa-Hadar als Seelsorger der Gemeinde Beth Israel und Lehrer in der Erwachsenenbildung. Am 1. Januar 1951 starb er in Haifa, weit ab von seiner früheren Heimat und Wirkungsstätte Deutschland.

Bildnachweise
Foto 1
Paul Lazarus im offiziellen Feldrabbiner-Ornat, Paul Lazarus Stiftung, Wiesbaden (Central Archive of the History of the Jewish People, Jerusalem (CAHJP) – Archiv Bembenek
Foto 2
Fragebogen zur Meldung für das Feldrabbineramt von Paul Lazarus vom 13. August 1914, CJA, 1, 75 C Ve 1, Nr. 367, #12990, Bl. 133a
Foto 3
Paul Lazarus, Widmung: „S. l. Schülerin in Essen – Zur Erinnerung an die Zeit meines ersten Urlaubs – Samstag, den 3. November 1917. Dr. Paul Lazarus z. Zt. im Felde. In Mazedonien 25.XI.17“, Alte Synagoge Essen, Archiv
Foto 4
Blanko-Formular: Ausweis zur Ausübung der jüdischen Seelsorge bei der mobilen Armee, ausgestellt am 4. September 1914, Centrum Judaicum Archiv, CJA, 1, 75 C Ve 1, Nr. 369, #12992, Bl. 1b
Foto 5
Stempel von Feldrabbiner Paul Lazarus, CJA, 1, 75 C Ve 1, Nr. 388, #13011, Bl. 3.
Foto 6
Soldaten beim Sederabend, Postkarte von Jacob Sonderling v. 20. April 1915, Privatbesitz Diane Gray
Foto 7
Jüdischer Notizkalender, Centrum Judaicum, CJA, 1, 75 C Ve 1, Nr. 388, #13011, Bl. 48
Foto 8
Orden / Militärauszeichnungen für Paul Lazarus, Paul Lazarus Stiftung, Wiesbaden (Central Archive of the History of the Jewish, People, Jerusalem (CAHJP)

Anmerkungen
[1] Die folgende Darstellung basiert auf einem Vortrag, den die Verfasserin im Rahmen des Steinheim-Kolloquiums „100 Jahre Rabbinerhaus in Essen“ (1913-2013) am 14. November 2013 hielt.
[2] Zur Vita der Autorin: Sabine Hank, geb. 1962, Diplomarchivarin, Studium an der Fachschule für Archivwesen Franz Mehring und Fachhochschule Potsdam, seit 1982 im Archivdienst tätig und seit 1995 Archivarin in der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum; Ausstellungen, Forschungen und Publikationen zum Thema „Juden im Ersten Weltkrieg“.
[3] Sabine Hank/Hermann Simon/Uwe Hank, Feldrabbiner in den deutschen Streitkräften des Ersten Weltkrieges, Berlin 2013.
[4] Lazarus, Paul, Das Basler Konzil. Seine Berufung und Leitung, seine Gliederung und seine Behörden-organisation, T. 1, Die Berufung und die Leitung, phil. Diss., Erlangen 1912 (Berlin [Historische Studien, 100], Neudruck, Vaduz 1965).
[5] CJA, 1, 75 C Ve 1, Nr. 367, #12990, Bl. 22-23.
[6] Ebd., Bl. 3.
[7] Ebd., Bl. 101.
[8] Ebd., Bl. 143-144.
[9] Siehe zu dem gesamten Vorgang. Ebd., Nr. 369, #12992, Bl. 34-35 RS u. 79.
[10] Ebd., Bl.1b-1c.
[11] Ebd., Nr. 377, #13000, Bl. 147-148RS.
[12] Ebd., Nr. 371, #12994, Bl. 67-76.
[13] Ebd., Nr. 388, #13011, Bl. 3.
[14] Ebd, Bl. 27-31.
[15] In den Akten finden sich zahlreiche solcher Berichte sowie ein breites Spektrum an Korrespondenz wieder, die teils detailliert, teils kurz gefasst zu allen Problemen der Feldrabbinertätigkeit geführt wurde.
[16] Ebd., Bl. 48.
[17] Ebd., Nr. 377, #13000.
[18] Ebd., Nr. 383, #13006, Bl. 60-65 RS.
[19] Von der Tätigkeit der Feldrabbiner, Vortrag in Nürnberg v. Januar 1917, in: Ebd., Nr. 384, #13007, Bl. 136-154, hier Bl. 152.
[20] Ebd., Nr. 371, #12994, Bl. 203.

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