Ostjuden im Westend

Seit den 1885er Jahren siedelten sich verstärkt Juden osteuropäischer Herkunft in Wiesbaden an. Im Zuge dieser Entwicklung entstand ein orthodoxes Submilieu mit eigener religiöser und sozialer Infrastruktur in der Landeshauptstadt – bestehend aus Familien, die aus Galizien, Weißrussland, der Ukraine oder Polen stammten. In den 1920er Jahren lebten allein über 400 Juden in Wiesbaden, die aus Polen stammten, darunter beispielsweise die Hutmacher-Dynastie Ferster, die heute mehrere Geschäfte in Jerusalem betreibt. Die Mehrheit der jüdischen Bewohner des Westends waren „kleine“ (Gebrauchtwaren-)Händler, Geschäftsfrauen und gelegentlich auch Industriearbeiter. Eine Ausnahme stellen die Gebrüder Wirgin dar – sie machten sich als Kamera-Hersteller einen Namen und entwickelten ein technisch besonders „ausgereiftes“ Modell einer Spiegelreflex-Kamera (später Edixa).

In knapp zehnjähriger Archivrecherche, bei gleichzeitig verzweigter Forschung unter den Nachkommen dieser orthodoxen Gemeinde in Übersee, konnten wertvolle und bisher größtenteils noch unveröffentlichte Dokumente zusammengetragen werden. Sie geben einen detaillierten Einblick in den Werdegang dieser Gemeinde und ihren behutsamen Wandel im Verlauf der Generationen; sie beleuchten eine untergegangene Welt aus religiöser wie beruflicher, aus sozialer, politischer wie kultureller Sicht.

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