Die Jüdische Unternehmen in Wiesbaden

Im Vergleich zu Worms, Speyer und Mainz ist die jüdische Gemeinde in Wiesbaden ein relativ junge. Erst 1732 wird in der Badestadt Wiesbaden eine Synagoge errichtet. Zu Beginn des 19. Jh. lebten ca. 150 Juden in Wiesbaden – zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Vorrangig waren sie im Handel mit Luxusgütern für Badegäste tätig; einige waren als Rechtsanwälte und Mediziner tätig.
Die 1869 im maurischen Stil errichtete elegante Synagoge am Michelsberg war Ausdruck dafür, dass die Wiesbadener Juden in der Moderne angekommen waren. Dass an dem Konzert, das der Synagogen-Chor anlässlich der Einweihung gab, auch der in Wiesbaden kurende preußische König teilnahm, demonstrierte, dass die Wiesbadener Judenheit zur feinen Gesellschaft gehörte. Gegen Ende des 19. Jh. lebten in Wiesbaden 1.700 jüdische Bürger, die im ökonomischen, kulturellen und Sportleben der Stadt eine aktive Rolle spielten. Einige verbrachten ihre Goldenen Jahre als wohlhabende Pensionäre die in der Kurstadt. Kaum jemand nahm jedoch wahr, dass seit 1890 zunehmend osteuropäische Juden in die Stadt kamen.

Die Welt jüdischer Unternehmer in Wiesbaden ist heute weitgehend vergessen. Dabei waren einige von ihnen weit über die Stadt hinaus bekannte Pioniere – wobei auffällt, dass sie keine „Einheimische“ waren und sowohl einen west-jüdischen wie ost-jüdischen Hintergrund hatten.

Zu ihnen zählte der 1813 in Schierstein geborene Joseph Mayer Baum. Er gründete in Wiesbaden die Fa. “Nassauische Leinenindustrie J.M. Baum”, die unter seinem 1847 in Wiesbaden geborene Joseph Baum ab 1900 Weltgeltung erlangte und die er später mit seinem jüngeren Bruder Hermann (1877-1923) führte.

Als Mitglied der „ Loge Nassau“ und des Wiesbadener Verschönerungsvereins galt Joseph Baums besonderes Interesse den sozialen Folgen der Industrialisierung für Angestellten und kleiner Kaufleute. Zu diesem Behufe gründete er für in Handel und Industrie Beschäftigte 1910 die Deutschen Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime, deren Vorsitz er übernahm und die weit über die Grenzen Wiesbadens hinaus Anerkennung fand. Als 1913 das Wiesbadener „Kaiser Wilhelm Heim“ (heute Joseph-Baum-Haus) eröffnet wurde, erhielt Joseph Baum den Titel eines „Königlichen Kommerzienrates“.

Julie Blumenthal. geb. Heilbuth, und ihr Mann Seligmann Blumenthal – beide in Hamburg-Altona geboren – zogen 1883 nach Wiesbaden, wo sie in der Kirchgasse 49 die Firma „S. Blumenthal u. Comp.“ gründeten, das spätere (ab 1907) Kaufhaus Blumenthal in der Kirchgasse 39-41. Der Sohn, Adolf J. Blumenthal, trat 1918 in die Firma als persönlich haftender Gesellschafter mit 75% Beteiligung ein. Seine Mutter hielt als Kommandistin 25%. Die Firma beschäftigte zu dieser Zeit etwa 250 Angestellte. Das Kaufhaus florierte bald so gut, dass die Firma 1928 zwei Seitenflügel anbauen ließ.

Als im Frühjahr 1933 die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte einsetzten, wurde auch das Kaufhaus Blumenthal davon schwer getroffen. Die Ertragslage verschlechterte sich dermaßen, dass Blumenthal nur dank eines Kredits des Tietz-Kaufhof-Konzerns überlebensfähig war Mitte 1935 drohte der Konkurs. Blumenthal musste an Krüger & Brandt „verkaufen“ – zwei ehemaligen Mitarbeitern, die zwar die bestehenden Belastungen, übernahmen aber für die Übernahme nicht bezahlen mussten.

„Arisiert“ wurde aber nicht nur Blumenthals Warenhaus, sondern auch sein Privathaus in der Parkstraße 35. Mit dem ihm aus diesen Zwangsverkauf verbliebenem Restvermögen konnte er für sich und seine Frau die Auswanderung nach Holland und die seiner Tochter nach England finanzieren. 1942 spürte ihn die Gestapo in Holland auf, deportierte ihn in das KZ Sobibor, wo ermordet wurde. Seine Frau kam in Auschwitz um.

Julie Blumenthal musste 1938 ihr Haus in der Alwinenstraße 28 verkaufen, zog erst in die Paulinenstaße, dann in die Sonnenberger Straße um. Ab 14. April 1942 war sie gezwungen im „Judenhaus“ Grillparzerstr. 9 zu wohnen. Dort nahm sie sich am 3. Juli 1942 das Leben.

GebrWirgin-beNach dem Ersten Weltkrieg verließen die Brüder Wolf, Joseph, Heinrich und Max Wirgin ihre Heimatstadt Radom im südöstlichen Polen. Ihre Intention war, entweder in der Schweiz oder in Deutschland zu studieren. In den frühen 1920ern kamen sie nach Wiesbaden, wo Heinrich, Max und Joseph die Kamerafirma Wirgin gründeten. Ihre erste bahnbrechende Produktion war 1927 die Edinex (auch als Adrette bekannt). 1934 überraschte die Firma mit der sehr kleinen, bildsuchenden Kamera Gewirette.
1938 betrieben Heinrich und Josef Wirgin trotz nationalsozialistischer Verfolgung immer noch ihr Unternehmen. Max war bereits im Mai 1936 in die USA ausgewandert und verhalf seinen Brüdern Heinrich und Joseph, ihm später dorthin zu folgen.
Nach dem Krieg kam Heinrich – inzwischen Henry Wirgin – zurück nach Wiesbaden, wo er seine Firma wiedergründete. In enger Zusammenarbeit mit Heinz Wasske entwickelte er ab 1951 neue Modelle, insbesondere Miniaturkameras. 1962 kaufte Henry Wirgin das Franka Kamerawerk (Bayreuth/Oberfranken).

1968 wurden die Kamerawerke Gebrüder Wirgin in eine GmbH umgewandelt. Allerdings musste 1971 die Produktion eingestellt und ein Vergleich angemeldet werden. Letztlich konnten sich die Wirgin Modelle nicht gegen die in den 1960er und 1970er Jahren aufkommende japanische Konkurrenz durchsetzen. Teile der Belegschaft machten sich selbständig und gründeten in Hochheim / Massenheim die Firma Kameraservice Helmut Lauer GmbH, die 2009 Liquidation beantragen musste. Heinrich (Henry) Wirgin starb am 1. März 1989 90-jährig in Wiesbaden.

Ignaz-Keiles-be

Ignaz Keiles und Sohn Max

Ignatz Isaak Keiles, Firmengründer und Patriarch der Familie, wurde als Sohn von Isaac Keiles und Johanna, geb. Sckolny, am 01.10.1866 in Minsk (Weißrussland) geboren. Als gelernter Tabakschneider floh er 25 jährig das Zaristische Russland vor Pogromen. Zunächst versuchte er als Tabakmeister sein unternehmerisches Glück in Dresden, der Tabak-Metropole des Kaiserreichs. Harte Konkurrenz veranlasste ihn bald, einem anderen Standort zu finden. Zuvor hatte er noch seine am 20.05.1869 in Breslau geborene Frau Martha Lederer kennengelernt; in Dresden wurde am 15.08.1891 auch der erste Sohn Max geboren. Kurz danach zog die junge Familie nach Wiesbaden, wo die Söhne Hans (24.01.1894) und Alfons (20.04.1895) zur Welt kamen.

In Wiesbaden betrieb Ignatz Keiles zunächst in der Karlstrasse ein Zigarrengeschäft. Nachdem sich früh Erfolg einstellte, gründete er 1892/93 in der Dotzheimer Str. 40 die „Cigaretten Fabrik Keiles“ mit Vorder-, Mittel- und Hinterhaus. Die Firma beschäftigte bis 1933 zwischen 100 bis 150 Mitarbeiter und besaß einen beachtlichen Stab von Vertretern. Nach Abschluss ihrer Lehre waren Ignatz und seine Söhne Max und Hans ab 1912/13 zu gleichen Teilen Mitinhaber der Firma Keiles O.H.G.

 

Ignatz Issak Keiles starb im November 1935, knapp ein Jahr nach der Arisierung seiner Fabrik. Seine Frau Martha wurde am 1. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 17.09.1942 starb. Knapp drei Wochen vor dem Tod seines Vaters war sein ältester Sohn Max 1935 nach Winhoek (Süd-West-Afrika) emigriert. Nachdem er in Johannesburg (Süd-Afrika) eine Anstellung als Fabrikaufseher bei der Firma Rand Tabocco fand, ließ er im Oktober 1936 seine 13-jährige Tochter Ruth Henny und seinen 9-jähriger Sohn Alfred nachfolgen. Max Keiles, dessen erste Frau Gertrude 1931 gestorben war, heiratete im Dezember 1941 die Witwe Charlotte Gerstenberg (geb. in Berlin) und verstarb am 10. Mai 1961 in Südafrika).

Zu den hier skizzierten jüdischen Unternehmen beginnt die Paul Lazarus Stiftung 2017 die Recherchen zur „Cigaretten-Fabrik Keiles – eine Familien- und Unternehmensgeschichte“. Nachdem die Stiftung Flughafen Frankfurt der PLS im Oktober 2016 eine Förderung in Höhe von € 13.500,00 bewilligt hat, konnte Dr. Lea Müller-Dannhausen mit der Forschung und Publikation beauftragt werden.

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