Ein vorbildlich rebellisches Leben

TONI SENDER Vor 125 Jahren wurde die Sozialdemokratin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin in Biebrich geboren.


Heute ist es genau 125 Jahre her, dass sie in Biebrich geboren wurde. Und das Leben der Toni Sender, die eigentlich den wunderschönen Vornamen Sidonie Zippora trug, taugt noch immer als Vorbild. Viele ihrer Sätze stehen wie in Stein gemeißelt – von unverminderter Aktualität. Wie etwa der: „Die politische Demokratie befindet sich in akuter Gefahr, wenn sie nicht von der Wirklichkeit sozialer Gerechtigkeit begleitet wird.“

Für Gerechtigkeit in all ihrer Vielschichtigkeit, engagierte sich Toni Sender, die Politikerin und Journalistin, bis in die letzten Tage ihrer 75 Jahre. Diesem lebenslangen Engagement ordnete sie alles unter: Weg von daheim, Verzicht auf Familie und Privates. „Ein stark ausgeprägter Instinkt sagte mir schon in frühsten Schultagen, dass ich fliehen müsse, dass Biebrich nicht die Atmosphäre sei. In der ich mich am besten entwickeln und ein wertvolles Teil der Gesellschaft werden könnte“, schrieb sie in ihrer Autobiographie, und wusste doch, dass es weniger die Heimatstadt war als mehr das streng jüdische Elternhaus, das ihr nicht genügend Freiheiten ließ.

Toni Sender, die bedeutende Biebricherin, wurde am heutigen Freitag vor 125 Jahren geboren.

Toni Sender, die bedeutende Biebricherin, wurde am heutigen Freitag (29.11.2013) vor 125 Jahren geboren.
Foto: Stadtarchiv

In der Rückschau gestand sie ihre Sympathie „für die Schönheit der hügeligen Rheinufer und den Zauber jenes alten Parks des Herzogs von Nassau. Man kann in diesem Paradiese leben und doch keine Freude daran haben, wenn die Atmosphäre bedrückend ist.

“So konsequent wie ihre Entscheidung war, bereits mit 13 Jahren das Elternhaus in Biebrich in Richtung Frankfurt zu verlassen, so führte sie ihr ganzes Leben: „Statt eines bequemen Glücks und der Harmonie mit der Familie und manchen Nachbarn nahmen wir das Recht in Anspruch, die Wahrheit um der Wahrheit willen zu suchen. Wir weigerten uns, unserem Denken Schranken zu setzen“, demonstrierte sie einen für ihre Zeit außergewöhnlich unabhängigen Geist, der zudem in beinahe gieriger Form nach Erweiterung, Entwicklung, nach ständiger Fortbildung trachtete: „ Nie wollen wir das Streben nach mehr Wissen aufgeben und an irgendeinem Punkt den Gebrauch unseres Verstandes verzichten.“

Die Hauptaufgabe

Viel später, in einer Art Lebensresümee, bestätigte sie sich quasi selbst, mit dem unbequemen, dem rebellischen Weg den richtigen gegangen zu sein: „Ich glaube, dass wir uns entscheiden müssen, welcher Hauptaufgabe wir uns im Leben widmen wollen. Familiäre Bindungen können einen früher oder später daran hindern, den Mut und die Selbstlosigkeit aufzubringen, die eine große Sache erfordern – insbesondere im Falle einer jungen Frau.“


„Es muss Ideale von absolutem Wert geben, die vielleicht unerreichbar sind, aber für die wir uns dennoch mit allen Kräften einsetzen müssen.“

Toni Sender


Sie war auf der Suche nach „Idealen von absolutem Wert, die vielleicht unerreichbar sind, aber für wir uns dennoch mit allen Kräften einsetzen müssen.“ Was sie für richtig erkannt hatte, dafür kämpfte sie mit 100 Prozent und erklärte sich diese Unbeugsamkeit mit einem Lehrsatz ihres Biebricher Schuldirektors, der sich bei ihr eingebrannt hatte: „Nichts halb zu tun, ist edler Geister Art.“

Demokratische Sozialistin

Mit 16 trat die Büroangestellte in Frankfurt der Gewerkschaft bei. Seit 1906 war sie Mitglied bei der SPD, seit 1910 auch der französisch sozialistischen Partei, nachdem es die junge Internationalistin nach Paris gezogen hatte, das sie zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wieder verlassen musste. Als führende Kraft der Kriegsopposition in Südwestdeutschland war sie schwersten Anfeindungen ausgesetzt, wurde als „Giftpflanze“ und „Missgeburt“ bezeichnet. Als Teilnehmerin einer Antikriegskundgebung wurde sie mit anderen Genossen aus der SPD ausgeschlossen und gehörte 1917 zu den Gründern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD). Die feurige Rednerin war in der Novemberrevolution 1918 Generalsekretärin der Frankfurter Arbeiterrats, übernahm die Redaktion der regionalen USPD-Tageszeitung „Volksrecht“ und war ab 1919 Mitglied der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. 1920 zog sie als Spitzenkandidatin ihrer Partei im Wahlkreis Hessen-Nassau in den Berliner Reichstag ein. Dem gehörte sie – unterbrochen nur von einem Jahr, das die schwer lungenkrank in Davos verbringen musste – bis 1933 an. Nach dem Zusammenschluss der beiden Parteien 1922 als Mitglied der SPD-Fraktion.

… als Niedertracht herrschte

Toni Sender war eine begeisterte Streiterin für der Demokratie und die Weimarer Republik. Früh warnte sie vor den Nationalisten, als sonst noch niemand die heraufziehende Gefahr sehen wollte. Als die Biebricherin von den Nazis offen mit Morddrohungen verfolgt wurde, flüchtete sie 1933 zunächst in die Tschechoslowakei, dann über Belgien in die USA.

In den Vereinigten Staaten fand sie eine neue Heimat, wurde 1943 amerikanische Staatsbürgerin und blieb all die Zeit in gleichem Maße engagiert – für Internationalismus, Frieden, Arbeits- und Frauenrechte. Von 1949 bis zu der von ihrer Parkinsonschen Krankheit erzwungen Berufsaufgabe 1956 vertrat sie den Internationalen Bund freier Gewerkschaften bei den Vereinten Nationen.

Toni Senders Geburtshaus mit dem väterlichem Geschäft in der Kasernenstraße, der heutigen Stettiner Straße.

Toni Senders Geburtshaus mit dem väterlichem Geschäft in der Kasernenstraße (heutige Stettiner Straße)
Foto: Lottmann-Kaeseler-Archiv

Nach dem Krieg hatte sie sich in den USA erfolgreich für die Verlängerung der Schulspeisungen im zerstörten Deutschland eingesetzt und selbst unzählige Care-Pakete verschickt. Sie engagierte sich für die Aufnahme der neuen Bundesrepublik in die internationale Staatsgemeinschaft. Immer hielt sie Kontakt zu deutschen Sozialdemokraten von Paul Löbe bis zu Willy Brandt. Und bis zuletzt korrespondierte sie mit dem Biebricher SPD-Vorsitzenden Martin Hörner. Zurückkehren wollte sie aber nicht mehr. Schon 1939 hatte sie formuliert: „Dass ich je wieder den Wunsch haben werde, in Deutschland zu leben, bezweifle ich. Zu viele Menschen haben zugeschaut, als dort Niedertracht herrschte.“

Ihre Analyse, warum es in Deutschland so weit hatte kommen können, ist auch ein Vorwurf an die Akteure der Weimarer Republik, zu denen sie selbst zählte. Zu nüchtern, zu rational seien sie gewesen und hätten es so nicht geschafft, Begeisterung zu wecken für die neue Demokratie, für die neuen Rechte, für hervorragenden Einrichtungen und Errungenschaften. „Dem Deutschland der Weimarer Republik ist es nie gelungen, die alte preußische Tradition des Militarismus als politische Macht völlig auszuschalten und die Gewohnheit der blinden Disziplin auszumerzen.“


„Freiheit ist nicht nur ein unverzichtbares Element des Lebens, sondern auch eine Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft.“

Toni Sender


Als erbitterte Kämpferin gegen Nationalsozialismus und Stalinismus hat sie ihr Credo formuliert: „Freiheit ist nicht nur ein unverzichtbares Element des Lebens, sondern auch eine Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft, die mir das Privileg gewährt, eines ihrer Mitglieder zu sein.“ Es gelte eine Gesellschaft zu formen, lautet ihr Vermächtnis an die Nachgeborenen, in deren Klima „kühne und neue Ideen erlaubt sind“ und in der es lohne, „die eigenen bescheidenen Fähigkeiten in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen“.

Toni Sender starb am 26. Juni 1964 in New York.

Von Heinz-Jürgen Hauzel 29.11.2013
Wiesbaden

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.