KÄMPFERIN GEGEN HITLER UND STALIN – TONI SENDER ZUM 110. GEBURTSTAG

Toni Sender ist gewiss die bedeutendste Politikerin, die ihre hessische Heimat hervorgebracht hat. Ihr Name steht für unbeugsames Eintreten für die Ideale des demokratischen Sozialismus, für starke Gewerkschaften zur Durchsetzung der Arbeitnehmerrechte, für Internationalismus und Frieden, für den entschiedenen Kampf gegen Hitlerfaschismus und Stalinismus, nach dem 2. Weltkrieg für den europäischen Wiederaufbau, die deutsch-amerikanische Freundschaft sowie für die Rückkehr Deutschlands in die Gemeinschaft freier Staaten, nicht zuletzt natürlich für die Gleichstellung der Frau.

Geboren am 29. November 1888 in Biebrich am Rhein, später ein Vorort von Wiesbaden, rebellierte Toni Sender früh gegen die autoritären bürgerlichen Erziehungsnormen des orthodox-jüdischen Elternhauses. Nach dem Besuch einer zweijährigen Handelsschule in Frankfurt nahm sie dort eine Bürotätigkeit bei einer Immobilienfirma auf. Schon 1906 trat sie der noch recht kleinen Angestelltengewerkschaft bei. Als sie zur SPD fand, war sie erst 21 Jahre alt. Im gleichen Jahr, 1910, wechselte sie ihren Arbeitsplatz und ging für eine Frankfurter Metallhandelsfirma nach Paris. Bald engagierte sie sich als Funktionärin für die Sozialistische Partei Frankreichs: Sie wurde Mitbegründerin einer Frauengruppe, begann publizistisch und in Veranstaltungen für die gemeinsameSache, für Völkerverständigung und Abrüstung wie für die Einführung des Frauenwahlrechtes zu werben. Wegen des Kriegsausbruchs musste sie 1914 nach Deutschland zurückkehren.

Auch hier wurde sie umgehend in der Antikriegsbewegung aktiv. Im März 1915 nahm sie in Bern an der internationalen sozialistischen Frauenkonferenz gegen den Krieg teil. Während der Einberufung des Frankfurter SPD-Bezirkssekretärs für Hessen-Nassau Robert Dißmann zum Militär rückte sie auf dessen Wunsch an die Spitze der sozialdemokratischen Kriegsopposition in Südwestdeutschland. 1917 wurde die – laut Polizeibericht – „stadtbekannte Agitatorin” Mitbegründerin der USPD. Für diese verfasste sie zusammen mir Georg Plotke den Aufruf vom 9. November 1918 über die Gründung des Frankfurter Arbeiter- und Soldatenrats. Für den Arbeiterrat fungierte sie sodann als Generalsekretärin der Exekutive und als Beauftragte im Ältestenrat der Stadt. Weiterhin wirkte sie als eine der Hauptagitatorinnen ihrer Partei auf Bezirksebene, stets in enger Kooperation mir ihrem 1919 zu einem der drei Vorsitzenden des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) gewählten Freund und Gefährten Dißmann.

In jenem Jahr übernahm sie die Redaktionsleitung der USPD-Zeitung „Volksrecht”; 1920 wurde ihr zusätzlich die der „Betriebsräte-Zeitschrift” des DMV übertragen, welche sie bis 1933 innehatte. Von März 1919 bis 1924 war Toni Sender in Frankfurt Stadtverordnete. 1920 wurde sie als Spitzenkandidatin der USPD im Wahlkreis Hessen-Nassau in den Reichstag gewählt. Seit der Vereinigung der nichtkommunistischen Rest-USPD mir den Mehrheitssozialdemokraten im Herbst 1922 nahm sie ihre Mandate für die SPD wahr. Ab 1924 bis zum Frühjahr 1933 vertrat sie den Reichstagswahlkreis Dresden-Bautzen. Freilich eilte sie fortan oft zurück in ihre südhessische Heimat, wann immer sie dort als zündende Veranstaltungsrednerin benötigt wurde. Darüber hinaus trat sie in dieser Zeit wiederholt in Belgien und Frankreich sowie in den USA als Referentin auf. Die französischen Sozialisten ernannten sie ihres völkerverbindenden Engagements wegen sogar zu ihrem Ehrenmitglied. 1928 wurde der rührigen Parteilinken auch noch die Redaktion der SPD-Illustrierten „Frauenwelt” anvertraut; gleichzeitig publizierte sie regelmäßig in „Die Genossin. Informationsblätter der weiblichen Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands”.

Toni Sender war fraglos eine der entschiedensten Verteidigerinnen der Weimarer Republik. Sie legte sich mit aller Kraft gegen die Kommunisten wie auch gegen die immer heftiger heranstürmende NS-Bewegung ins Zeug. Letztere wurde von ihr bereits seit den frühen zwanziger Jahren scharf attackiert, seit einer Zeit also, als viele die von den Nazis ausgehende Gefahr noch nicht erkannten. Diese störten nun immer öfter die öffentlichen Versammlungen Toni Senders und ihre Reichstagsarbeit. Beispielsweise wurde 1932 auch ihre Berliner Wohnung überfallen. Außerdem startete die NSDAP zusammen mit den Deutschnationalen eine massive Hetzkampagne gegen sie. Zur Abwehr der drohenden NS-Machtübernahme propagierte Toni Sender den Generalstreik, die Einheitsfrontbestrebungen der KPD hingegen wurden von ihr zurückgewiesen. Als nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 die Nazi-Angriffe gegen sie in offenen Morddrohungen gipfelten, war die Flucht unausweichlich. In ihrer Autobiographie kommentierte sie dies rückblickend mit den Worten: „Was war unser Verbrechen? Die Freiheit zu sehr geliebt zu haben. Aber wie hätte ich anders gekonnt? War nicht mein ganzes Leben ein Kampf um mehr Freiheit gewesen?”

Vom Exil aus setzte sie unbeirrt ihren Kampf gegen die Nazis fort, die – wie sie später einmal schrieb – „schlimmsten Feinde der Menschheit”: Sofort nach ihrer Ankunft in der Tschechoslowakei wirkte sie mit, einen ersten, provisorischen Nachrichtendienst nach Sachsen aufzubauen. Seit dem Sommer 1933 arbeitete sie in Antwerpen als Leitartiklerin für die sozialistische „Volksgazet”. Zugleich sorgte sie für die Herstellung und den Schmuggel antinazistischer Propagandaschriften- nach Hitler-Deutschland. Überdies stand sie in Verbindung mit linkssozialistischen Widerstandsgruppen wie Neu Beginnen und den Revolutionären Sozialisten. Ende 1936 gehörte sie – neben Willy Brandt, Rudolf Breitseheidund vielen anderen prominenten deutschen Regimegegnern – zu den Unterzeichnern des Pariser Volksfront-Aufrufs. Schon 1934, wenige Monate nachdem sie vom Deutschen Reich „ausgebürgert” worden war, hatte sie in der „Neuen Weltbühne” klargestellt, ein „regierender Faschismus” könne niemals „durch das Wirken zersplitteter Gruppen” beseitigt werden; unerlässlich hierzu sei „die ganze geschlossene, antifaschistische revolutionäre Front”. Dies hinderte sie indes nicht daran, die verheerende Politik der Kommunisten weiterhin unnachgiebig zu kritisieren.

In den USA, wohin sie Ende 1935 emigriert war, musste sie sich zunächst als Auslandskorrespondentin für eine Pariser sowie eine Brüsseler Zeitung durchschlagen. Ferner trug sie in ihrem neuen Exilland regelmäßig publizistisch, dazu mit zahllosen Vorträgen, Seminaren und Rundfunksendungen zur Aufklärung über die Terrorherrschaft in ihrer Heimat bei. Besonders der innerdeutsche Widerstand wurde von ihr immer wieder thematisiert. Heftig widersprach sie der Meinung, Hitler sei legal zur Macht gelangt bzw. die Mehrheit der Deutschen stünde hinter ihm. Demgemäß versuchte sie beharrlich deutlich zu machen, warum seitens der westlichen Demokratien einzig und allein ein kompromissloser Kurs gegenüber dem NS-Regime angebracht sei. Mitte 1937 bot ihr eine ausgedehnte Europareise die Gelegenheit, sich vor Ort u.a. über den Bürgerkrieg in Spanien sowie die Volksfrontregierung in Frankreich zu informieren.

Bald nach ihrer Rückkehr in die USA, noch 1937, schloss sich Toni Sender der American Labor Party an. Gleichwohl agierte sie nach wie vor „mit dem Gesicht nach Deutschland”: Im Anschluss an den Novemberpogrom 1938 begann sie umgehend damit, für die Übernahme von Bürgschaften zu werben, mittels derer deutschen Juden die Einwanderung in die USA möglich wurde. Auch ihre 1939 erschienene „Autobiography of a German Rebel” hatte eine klare antinazistische Stoßrichtung. Im Sommer jenes Jahres reiste sie erneut nach Europa: Sie wollte für ihr Buch werben und zugleich Material sammeln für eine Aufklärungsschrift über die deutsche Opposition gegen Hitler; um aber die konspirative Logistik der Widerstandskader nicht zu gefährden, nahm sie von diesem Projekt wieder Abstand. Der kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen im Sommer 1939 abgeschlossene Hitler-Stalin-Pakt wirkte auf die antinazistischen Kräfte in aller Welt wie ein Schock; abrupt beendete er die Volksfrontüberlegungen, die bis dahin verschiedentlich im deutschen Untergrund sowie im Exil angestrengt worden waren; auch für Toni Sender war dieses Thema damit ein für allemal erledigt.

1940 organisierte sie erstmals gewerkschaftliche Einführungskurse für neuangekommene Flüchtlinge aus ihrem Heimatland und aus Österreich. Desgleichen sammelte sie einen eigenen Diskussionskreis emigrierter Gesinnungsfreunde um sich: die Toni Sender Group. Sie trat dem German American Congress for Democracy bei, einer ebenso antinazistischen wie antistalinistischen Gruppierung, deren Vizepräsidentin sie wurde. Ab 1942 erstellte sie im Dienste der Amerikaner zahlreiche Studien, die für den Wiederaufbau in den meisten europäischen Ländern wichtig wurden, darunter ein „Who is who” der dort hierfür jeweils in Frage kommenden Funktionäre der unterdrückten Arbeiterbewegung. Gleichzeitig unterhielt sie enge informelle Kontakte zur SPD- und zur Gewerkschaftsemigration in Großbritannien, etwa zu Hans Vogel, Erich Ollenhauer, Hans Gottfurcht oder Hans Jahn. Auch der Aufruf „Für das Freie Deutschland von morgen” vom Oktober 1942, eine Programmschrift der stark antikommunistisch ausgerichteten Association of Free Germans, deren Vorstandsmitglied sie war, trug ihre Unterschrift: Darin riefen 28 in die USA geflohene Sozialdemokraten zum Sturz der Nazityrannei sowie zur Schaffung einer freien und friedlichen demokratischen Republik auf; „Betätigung gegen ,die Demokratie” sollte im neuen Deutschland „mit aller Schärfe unterbunden werden”; zudem wurde für dessen Eingliederung in die internationale Völkerfamilie plädiert, damit es sowohl an der Neuordnung Europas und der Welt als auch an • der künftigen Friedenssicherung mitwirke.

Am 9. November 1943 wurde durch 44 Staaten mit der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) die erste Organisation der Vereinten Nationen ins Leben gerufen. Deren Aufgabe bestand vor allem in der Organisierung von Hilfeleistungen in die befreiten vormaligen Nichtfeindgebiete. Anfang 1944 nahm Toni Sender – sie war am 26. April des Vorjahres US-Bürgerin geworden – ihre Tätigkeit als Wirtschaftsexpertin in der Zentraleuropa-Abteilung dieser Organisation auf. Dem Schicksal der von den Nazis nach Deutschland gepressten Zwangsarbeitskräften und den Überlebenden der Vernichtungslager, den Displaced Persons, galt ihr besonderes Augenmerk. Seit 1947 wirkte sie als Assistentin der Repräsentanten des amerikanischen Gewerkschaftsbundes American Federation of Labor (AFL) beim Wirtschafts- und Sozialrat der UNO, von 1950 bis 1956 schließlich in gleicher Funktion für den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften (IBFG). Ihre Hauptarbeitsfelder in jenen Jahren waren die Durchsetzung und Sicherung der Menschenrechte, der Erhalt und die Stärkung der Arbeitnehmerrechte, insbesondere die Gleichstellung der Frau, vornehmlich auch die Ächtung und Bekämpfung der Zwangsarbeit im sowjetischen Herrschaftsbereich. Schärfste politische Kontroversen mit dem kommunistischen Weltgewerkschaftsbund waren zwangsläufig. Die Annahme einer Konvention gegen die Sklaverei im Jahre 1956 sowie einer ebensolchen zur Abschaffung der Zwangsarbeit im Jahr darauf, welche indes erst 1959 in Kraft trat, war sicherlich nicht zuletzt dem unermüdlichen Ringen Toni Senders zu verdanken.

1945 hatte sie natürlich gehofft, so bald als möglich nach Deutschland zurückzukehren. Sie war wohlinformiert über die horrende materielle Not und die psychische Verelendung ihrer Landsleute, die dringend der Hilfe bedurften. Im Herbst 1946 hatte sie sich um eine Anstellung bei der US/Militärregierung in Deutschland beworben, aber es war keine Stelle vakant. Außerdem hatte sie, wenig später ihre Arbeit für die AFL bei der UNO aufgenommen. In jenem verantwortungsvollen Wirkungsbereich konnte sie sich letztlich weitaus nützlicher machen, als dies bei einer nur lokal oder regional begrenzten Tätigkeit in der US-Zone möglich gewesen wäre. Im Anschluss an eine Tagung der UN-Menschenrechtskommission in Genf hatte sie Ende 1947 erstmals wieder ihre alte Heimat bereist, um sich selbst ein Bild von der katastrophalen Lage dort zu machen. Ihre erste Station war Frankfurt gewesen, wo ihr von Willi Richter und vielen anderen im Gewerkschaftshaus ein begeisterter Empfang bereitet wurde. Sie sprach zum Thema „Amerika und die •deutsche Arbeiterbewegung”, betonte hierbei, sie habe in den USA stets für die antinazistische Opposition in Deutschland geworben. Als sie in der Mainmetropole von der drohenden Einstellung der Schulspeisungen erfuhr, sorgte sie umgehend für deren Fortführung. Ansonsten hat sie sich von den USA aus auf vielfältige Weise um die Verbesserung der Lebensverhältnisse ihrer Landsleute verdient gemacht. Auch privat hat sie zahllose CARE-Pakete nach Deutschland gesandt, so an Kurt Schumacher, Louise Schroeder, Ernst Reuter oder Fritz Heine, meist aber an Paul Löbe, der dann die Weiterverteilung an notleidende Gesinnungsfreunde übernahm. Darüber hinaus war sie seit dem Beitritt der westdeutschen Gewerkschaften zum IBFG auch deren Interessenvertreterin vor der UNO.

An das hohe Ansehen, das Toni Sender innerhalb der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung genoss, mochten sich im Nachkriegsdeutschland sowie in der noch jungen Bundesrepublik nur wenige.erinnern. Dessen ungeachtet kontaktierte sie anlässlich ihrer raren Deutschland-Visiten stets etliche sozialdemokratische Spitzenpolitiker; ohnehin korrespondierte sie mit nahezu der gesamten SPD- und Gewerkschaftsprominenz jener Jahre, mit Erich Ollenhauer, Fritz Erler, Willi Richter, Herbert Wehner, Willy Brandt und vielen anderen, allen voran mit ihrem Freund Löbe, der ihr 1959 auch das Protokoll des Godesberger Parteitages zusandte. Bis zuletzt stand sie zudem mit Martin Hörner, SPD-Vorsitzender in Wiesbaden-Biebrich, in Verbindung. Gleichviel, ihre Konturen waren hierzulande verblasst. Nach langem Leiden an der Parkinsonschen Krankheit starb Toni Sender am 26. Juni 1964 in New York.

1981 endlich wurde ihre Autobiographie in deutscher Sprache veröffentlicht. Dann folgten 1988, zum 100. Geburrstag. Eine Ausstellung der Wiesbadener Frauenbeauftragten Margot Brunner, und – hiervon angeregt – 1992 in Frankfurt eine noch weitaus größere des dortigen Historischen Museums, beide mit wichtigen Katalogen und bester Resonanz. Zwei Jahre später erschien die große Sender-Biographie von Anette Hilo-Berg. Durch all dies, ebenso durch etliche kleine biographische Porträts zuvor, so von Susanne Miller, Dieter Schneider oder Gerhard Beier, wurde dieser außergewöhnlichen sozialdemokratischen Politikerin in ihrer alten Heimat erst wieder die ihr gebührende Beachtung zuteil. Auch der nach ihr benannte Preis der Stadt Frankfurt für Verdienste um die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen die Diskriminierung von Frauen erinnert seit 1992 im Zweijahresturnus an die bedeutende Sozialistin, die ihr ganzes Leben dem Kampf um die Freiheit verschrieben hatte.

Axel Ulrich, Wiesbaden

Informationen der SPD. AVS- Informationsdienst . Arbeitsgemeinschaft
ehemals verfolgter Sozialdemokraten – AvS, 19 . Jg.; Nr . 5, Nov . 1998

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