Anneliese Heikaus geb. Levy

 

 

 

 

„Nicht mit mir!“

Erzählungen aus dem Leben von Anneliese Amalie Heikaus, geb. Levy

 

Anneliese Amalie Levy wird am 22. Dezember 1911 in Bad Kreuznach als Tochter von Max Eugen Levy und Frieda Gottlob geboren.

Anneliese mit ihren Eltern Frieda und Max Eugen Levy, ca. 1914

Lyzeum/Charlottenschule in Bad Kreuznach (Foto Kreisbildstelle)

Sie bleibt ein Einzelkind, die Eltern leben später getrennt. Ihr Vater betreibt eine Großhandelsvertretung in Düsseldorf. Nach dem Besuch des Lyzeums in Bad Kreuznach (s. Bild), das sie mit der mittleren Reife abschließt, absolviert sie eine kaufmännische Lehre.

Annelieses Kinder Ralf, Rita und Egon Heikaus 1947

Im April 1933, mit 21 Jahren, heiratet sie den katholischen Joseph August Heikaus (geb. 10.9.1905), einen Kaufmann aus Köln, am 26. September 1933 kommt ihr erster Sohn Egon zur Welt. Am 15. Juni 1937 wird Tochter Rita geboren, 4 Jahre später, am 4. Juli 1941 Sohn Ralf Heikaus. Um die Kinder ein stückweit zu schützen, werden sie alle drei katholisch getauft und die Familie zieht zusammen mit der mittlerweile getrennt lebenden Mutter Frieda Gottlob in den katholisch geprägten Offenbacher Stadtteil Bürgel, in die damalige Ernst-Ludwig-Straße.

Joseph A. Heikaus, 1937

Annelieses Mann Joseph Heikaus arbeitet viele Jahre als Einkäufer bei der Firma Kaufhof, ist am Ende sogar stellvertretender Direktor. Nach und nach bekommt er jedoch Probleme, weil er mit einer Jüdin verheiratet ist. Seine Frau Anneliese erhält Hausverbot. Doch sie ist eine resolute Frau und lässt sich nichts verbieten. Mehrfach ignoriert sie dieses Verbot und nimmt ihre Kinder demonstrativ mit. Nach 24 Jahren – 1942 – muss Joseph seine Stellung als stellvertretender Direktor der Fa. Kaufhof aufgeben. Zuvor wurde ihm von der Firmenführung noch nahegelegt, sich scheiden zu lassen, doch das kommt für Joseph nicht in Frage. Danach arbeitet er weiter als selbständiger Buchhalter.

 

Am 30. September 1942 schließlich wird Annelieses Mutter Frieda Gottlob deportiert.

Am 8. März 1944 findet ein schwerer Luftangriff auf Offenbach statt, eine Brandbombe schlägt ein Loch durch die Wohnungsdecke der Familie und setzt das Kinderzimmer teilweise in Brand. Im Rahmen einer Evakuierungsaktion der Stadt kümmert sich Anneliese um eine Bleibe für sich und ihre 3 Kinder, während Joseph nur gelegentlich bei der Familie wohnt, je nachdem wo er Arbeit hat.

In Steinau an der Straße fragt Anneliese bei Freunden von früher, ob diese Platz für die Familie hätten. Während des Gesprächs schaut sie aus dem Fenster und sieht einen Zirkuswagen in der Nachbarschaft stehen. Dort zieht sie für mehrere Monate mit ihren Kindern ein. In dieser Zeit und an diesem Ort, wo sie keiner kennt und sie teilweise von Nazis umgeben sind, geht Egon sogar als Tarnung zur Hitlerjugend, um nicht aufzufliegen.

Da der Zirkuswagen keine ausreichende Heizmöglichkeit hat und Ralf krank wird, zieht die Familie schließlich im Herbst 1944 wieder in ihre Wohnung in Bürgel zurück.

Als ein Bekannter kurz darauf Annelieses Mann Joseph warnt, die Gestapo würde gegen ihn ermitteln, setzt er sich an die tschechische Grenze/Oberschlesien ab, wo er persönliche Kontakte aus Kaufhof-Zeiten hat und bei einer Familie untertauchen kann. Russische Soldaten finden ihn jedoch und bringen ihn Anfang 1945 in ein Arbeitslager.

Anneliese selbst wird schließlich mit einem der letzten Transporte am 18. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Ihre Ehe mit einem nicht jüdischen Partner und die Erziehung „seiner“ Kinder, dazu ihre völlig unauffällige, integrierte Lebensweise hatte sie solange vor Verfolgung geschützt.

In Theresienstadt wird sie in der Glimmerproduktion* eingesetzt. Diese “kriegswichtige Arbeit” schützt sie vor einem Transport in eines der Vernichtungslager. Zahlreiche Dokumente und Andenken zeugen von dieser düsteren Zeit.

Annelieses Judenstern

 

Annelieses Armbinde aus Theresienstadt

 

 

 

 

 

 

Spar-Karte aus Theresienstadt

 

 

 

 

 

 

 

* Glimmer: Gruppe natürlicher, komplexer Aluminiumsilikate, die sich leicht in biegsame, glänzende, durchsichtige Scheiben spalten lassen (Umwelt & Chemie); Quelle: www.enzyklo.de/Begriff/Glimmer

 

Wohnung in der damaligen Ernst-Ludwig-Straße in Bürgel, heute Von-Behring-Straße

Als sie in ihrer Wohnung in Bürgel (siehe Bild) am 18. Februar frühmorgens zwischen 5 und 6 Uhr ohne Vorankündigung abgeholt wird, liegen Ralf und Rita im Bett ihrer Mutter. Sie sehen diese zur Kommode eilen, etwas herausnehmen und hören sie sagen: „Bleibt bitte hier, ich bin bald wieder da!“

Ralf und Rita sehen aus dem Fenster wie Anneliese ins Auto steigt. Ab diesem Moment ist der älteste Egon mit 11 Jahren plötzlich für sich und seine beiden jüngeren Geschwister verantwortlich. Später sagte er, er wusste sofort was los war, als die Gestapo klingelte. Am Abend zuvor hatte Anneliese unter starken Kopfschmerzen gelitten und Egon hatte ihr Schmerztabletten besorgt. Bei ihrer Abholung bittet Anneliese Egon, den Kleineren zu sagen, sie sei ins Krankenhaus gekommen und bald wieder da. Fortan läuft der kleine Egon täglich – ungeachtet von Bombenalarmen – zur Straßenbahnstation, in der Hoffnung, die Mutter käme zurück.
Glücklicherweise können die drei Kinder nach 3 Tagen alleine bei der Familie Grünebaum unterkommen. Diese hatte nach dem Abtransport von Anneliese einen Zettel erhalten mit den Worten: „Bitte kümmert Euch um meine Kinder!“. Ernst Grünebaum, dem Sohn der Familie aus einer sog. „Mischehe“, war es gelungen, vom gleichen Transport zu flüchten, ihm hatte sie den Zettel vorher noch zugesteckt.
Als Anneliese 33-jährig nach der Befreiung 4 Monate später – im Juni 1945 – erschöpft, traumatisiert und mit kurzem Haar plötzlich wieder vor ihren Kindern steht, weiß der 4-jährige Ralf nicht, wen er vor sich hat, er erkennt seine Mutter nicht mehr.
Als dann auch der Vater Joseph 1946, ein Jahr später, wieder auftaucht – seine Frau hatte mehrfach vergeblich Suchanträge gestellt – ist die kleine Rita überzeugt, dies sei nicht ihr Vater, sondern der Opa, der da geschwächt und um Jahre gealtert vor ihnen steht. Ihr kleiner Bruder Ralf versichert ihr jedoch, dass es der Vater sei.

Annelieses Sonderausweis

Anneliese hatte in der Zeit ohne ihren Mann für die Amerikaner bei der Zensur gearbeitet und auch Pläne geschmiedet, sie wollte zu ihren Verwandten nach Amerika auswandern, alle Erinnerungen hinter sich lassen und neu anfangen.
Doch Joseph hält nichts von den Plänen seiner Frau, Amerika ist ihm fremd, der Sprache ist er nicht mächtig. Sie haben sich beide nichts vorzuwerfen, keinen Grund, zu gehen.

So bleibt die Familie, und Anneliese entscheidet, wenn sie schon nicht nach Amerika auswandern könne, dann wolle sie wenigstens politisch zum Aufbau der Gesellschaft etwas beitragen und so wird sie Mitglied der Stadtverordnetenversammlung.
Damit ist sie – soweit bisher bekannt – die einzige Jüdin, die sich in der Nachkriegszeit in Hessen  kommunalpolitisch engagiert. Die Motivation hierfür ist auch in ihrer Persönlichkeitsstruktur zu suchen. Sie hat eine außerordentliche Zivilcourage, lässt sich nie den Mund verbieten und kein Unrecht gefallen. Sie spürt aber auch eine Verpflichtung aus ihrer eigenen Lebenssituation heraus, als Überlebende der Shoa: „I always tried to know the reason why I am among the small group of surviving German Jews, though I never was religious or what human beings call a good one. I only could get one answer, that I might be obliged to help others, who need my kind of help.“ (Dieses Zitat stammt aus einer Rede von ihr, die sie im Rahmen einer dreimonatigen Vortragsreise in Amerika hielt, wohin sie als Überlebende des Holocaust eingeladen worden war, 1951).

Nach nur einer Legislaturperiode scheidet sie aus der Stadtverordnetenversammlung wieder aus. Auf einer anderen Ebene findet sie eine politische Betätigung, die ihr weit mehr liegt: 1953 gründet Anneliese mit 6 anderen Bürgern die Offenbacher Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Dort nimmt sie sich der aus der Emigration und den Konzentrationslagern zurückkehrenden Juden an. Ein anderer Schwerpunkt gilt der Aufklärung über die schrecklichen Ereignisse im Nazi-Deutschland. Hauptziel der Gesellschaft ist der „Kampf gegen weltanschaulichen Fanatismus, religiöse Intoleranz, Rassendiskriminierung, soziale und politische Unterdrückung sowie gegen nationale Überheblichkeit“, so die Präambel des Vereins, der sich auch als „Volkshochschule zum Abbau von Vorurteilen“ versteht. (OP v. 8.6.1984). Die Organisation besteht bis heute und ist Mitglied im Deutschen Koordinierungsrat, dem Dachverband aller Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Nach Kriegsende – als er wieder gesund ist – gründet Joseph Heikaus zusammen mit Ernst Grünebaum die Handelsgesellschaft ,Grünebaum und Heikaus‘. Dabei kommen ihm seine zahlreichen Kontakte zugute, die er als Einkäufer bei Kaufhof geknüpft hatte. Als er Jahre später einen weiteren gut dotierten Job verliert bzw. selbst kündigt, fängt auch Anneliese wieder an zu arbeiten, um die Ausbildung der Kinder zu sichern. Sie lässt sich nicht unterkriegen, auch nicht, als sie von jüngeren Arbeitskollegen schikaniert wird.

Annelieses Mutter Frieda Levy, geb. Gottlob kurz vor ihrer Deportation 1942

Vater Max Levy, ca. 1940

Im privaten Bereich kämpft Anneliese um Wiedergutmachung und Entschädigung für Schaden an Freiheit und wegen Schaden an Körper und Gesundheit ihrer selbst und später auch ihrer Eltern. Ihre Mutter Frieda sieht sie nach deren Deportation 1942 nie wieder, sie wird vermutlich in Treblinka ermordet. Auch ihren Vater Max verliert sie im Holocaust, er gilt als verschollen, sein Todesdatum wird auf den 8. Mai 1945 festgesetzt.
An einer einfachen Fristüberschreitung des Antrags scheitert die Wiedergutmachung bzw. Entschädigung. Eine Rückerstattung des enteigneten Grundbesitzes wird ebenfalls abgelehnt.
Auch Annelieses Großeltern Nathan und Sophie Levy, geb. Lieben, kommen beide in Theresienstadt um. Mit 88 Jahren und 83 Jahren werden sie dorthin deportiert und sterben noch im gleichen Jahr, 1942.

Bevor Anneliese am 13. Juni 1983 mit 71 Jahren stirbt – sie überlebt ihren Mann Joseph auf den Tag genau um 18 Monate – erinnert nur noch wenig an die resolute und couragierte Frau, die sie einmal gewesen war. Sie leidet unter Parkinson, hat Depressionen, zusätzlich verstärkt durch Gespräche mit einem Psychologen, die Kriegserlebnisse wieder aufleben lassen, und sie kann kaum noch laufen. Am 13. Juni 1983 um 13 Uhr verstirbt Anneliese Heikaus und mit ihr viele Erinnerungen an den Holocaust. Was genau sie im Einzelnen in Theresienstadt erlebt hat, hat sie nie jemandem erzählt.

Heute gibt es eine Straße in Offenbach Bürgel, die an Anneliese Heikaus erinnert. An eine Frau, deren Stärke und Willen nicht im Krieg gebrochen wurde, sondern die weiter sozial und politisch für eine bessere Welt und gegen Unrecht kämpfte, obwohl ihr selbst soviel Unrecht widerfuhr.

 

 

 

 

Quellen:
Erinnerungen von Dr. Ralf Heikaus, dem jüngsten Sohn von Anneliese Heikaus und seiner älteren Schwester Rita Heikaus.
Andrea Fink: Jüdische Familien in Kreuznach. Vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Eine Dokumentation; Bad Kreuznach, 2001.
Elke Schüller: Neue, andere Menschen, andere Frauen? Kommunalpolitikerinnen in Hessen 1945 – 1956; Frankfurt am Main, 1995.

verfasst von Heike Freidank, geb. Heikaus

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