Jüdische Alltagsgeschichte

Der außergewöhnliche Fund einer Privat-Genisa im Wiesbadener Vorort Delkenheim – man könnte ihn auch als „Nachlass“ des jüdischen Getreidehändlers Samuel Jessel bezeichnen, der aus den unterschiedlichsten Dokumenten von Heiratsverträgen über Geschäftspapiere bis hin zu Medikamenten-Rezepte besteht – gewährt Einblicke in das Alltagsleben von Landjuden, wie man sie selten findet. Die Geschichte dieser Familie (Kehrmann), aus der verschiedene Vorsteher jüdischer Gemeinden hervorgegangen sind, lässt sich vom frühen 18. Jahrhundert bis zur Zeit des Nationalsozialismus und darüber hinaus verfolgen.

Der breit angelegte Forschungsbereich umfasst zunächst Fragen nach dem innerjüdischen Leben – d.h. dem Familien- und Gemeindeleben während des 18. Jahrhunderts. Daneben stehen die rechtlichen Rahmenbedingungen jüdischer Existenz wie der Erwerb eines Schutzbriefes als Aufnahmebedingung, die reglementierte Berufswahl oder der Zwang zur Zahlung von Leibzoll an Grenzen sowie die Sonderabgaben für Juden im Zentrum der Untersuchung. Auch die Beziehungen zwischen jüdischer Minderheit und christlicher Umwelt werden beleuchtet.

Wie wirkte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Abschaffung der Schutzbriefe (1848) im Herzogtum Nassau auf das Geschäfts- und Alltagsleben der Juden aus? Wie entwickelte sich der Prozess der Verbürgerlichung der jüdischen Minderheit gegen Ende des 19. Jahrhunderts und welchen Einfluss hatte die rechtliche Gleichstellung auf das Alltagsleben von Juden?

Das Jahr 1933 führte zu tief greifenden rechtlichen und sozialen Veränderungen in der Lebenssituation von Juden. Wie machte sich die fortschreitende Ausgrenzung und Verfolgung in der untersuchten Familie bemerkbar? Wie sah das Schicksal der Familie nach 1933 aus?

Dank der Tochter von Karl Kehrmann, die der Paul Lazarus Stiftung zahlreiche Unterlagen aus ihrer Familiengeschichte zur Verfügung stellte, wird – in Ergänzung zur Genisa – eine zeitlich lückenlose Erforschung einer jüdischen Familiengeschichte von der Schutzbrief-Zeit über den wirtschaftlichen Aufstieg bis zur Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus ermöglicht. Auch das Weiterleben der Kehrmann-Nachfahrin in der DDR wird mit eingeschlossen.

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