Sammlung osteuropäisch-jüdisches Leben in Wiesbaden

Für zweieinhalb Millionen Juden, die zwischen 1880 und 1914 ihre Heimat verließen, waren Pogrome und Verfolgungswellen in Osteuropa der Grund, nach Westeuropa zu fliehen. Die meisten der nach Deutschland Eingewanderten zogen nach Berlin. Viele ließen sich dort im „Scheunenviertel“ nieder.

Auch nach Wiesbaden kam eine kleine Gruppe dieser ostjüdischen Familien, die weitaus meisten aus Galizien. Ihr Fluchtgrund waren unbeschreibliche Armut und Hunger in ihren heimatlichen Schtetln. Anfangs wohnten viele von ihnen in der Wagemannstraße und angrenzenden Straßen der Altstadt. Etwa ab 1914 wurde das innere Westend zu ihrem bevorzugten Wohngebiet. Im Jahr 1935 wohnten dort 302 Ostjuden, besonders bevorzugt war die Hellmundstraße.

Nur in wenigen anderen deutschen Städten gab es Viertel, in denen osteuropäische Juden – meist als Landsmannschaften – in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander lebten und sich Ballungsgebiete ostjüdischer Einwanderer bildeten.

Anfang der 1930er Jahre lebten rund 640 osteuropäische Juden in Wiesbaden. Etwa zwei Drittel stammten aus Polen und Galizien. Fast die Hälfte der nach Wiesbaden eingewanderten osteuropäischen Juden lebte im Westend, wobei auffällt, dass die hier Wohnhaften fast ausschließlich polnischer und galizischer Herkunft waren. Im Jahr 1935 war von den „polnischen“ Juden ungefähr die Hälfte bereits in Wiesbaden geboren.

Quelle: Genealogische Datenbank der PLS auf der Grundlage der Datenbank des Stadtarchivs

Mit der Zeit entstand im Westend ein ostjüdisches Milieu, das nahezu mehrheitlich von der galizisch-jüdischen Landsmannschaft geprägt war. Nicht selten war dieses Milieu ein Hinterhaus-Milieu. Viele Textilgeschäfte, Gebrauchtwarenläden und Schneidereien, aber auch koschere Lebensmittelgeschäfte prägten es. Oft arbeiteten auch die Ehefrauen im Familiengewerbe mit.

Quelle: Genealogische Datenbank der PLS auf der Grundlage der Datenbank des Stadtarchivs

Jüdische Orthodoxie im Westend

Paul Lazarus, der langjährige Rabbiner der liberalen Gemeinde am Michelsberg, schreibt in seinem Erinnerungsbuch, die osteuropäischen Juden seien mehrheitlich Mitglieder der Hauptgemeinde gewesen, zum Gottesdienst aber in die von ihnen eingerichteten Bethäuser gegangen. Einige gehörten der Altisraelitischen Gemeinde in der Friedrichstraße an und nahmen auch dort am Gottesdienst teil.

Etwa die Hälfte der osteuropäischen Juden lebte strenggläubig nach orthodoxem Ritus im Westend. Etwa seit 1918 unterhielten sie in der Kleinen Schwalbacher Straße 10 ihr Talmud-Thora-Bethaus – im Jiddischen auch „Shtibl“ genannt. 1929 verlegten sie dieses Bethaus in die Blücherstraße 6. Zwei weitere ostjüdische Bethäuser befanden sich am Michelsberg 28 (Ahawat Schalom) und in der Geisbergstraße 3 (Ahawat Zion).

Ab 1934 setzte eine Emigration in die an Deutschland grenzenden westeuropäischen Länder ein; einige Familien wanderten auch nach Palästina aus. Mit der Abschiebung der Juden, deren Heimatorte in Galizien 1918 polnisch geworden waren, am 28. Oktober 1938 zeichnete sich auch das Ende des ostjüdischen Westends ab. Mit der bald danach einsetzenden Deportation in die Vernichtungslager war das Schicksal ostjüdischen Lebens im Westend besiegelt.

Textilhandel im Westend

Viele ostjüdische Familien waren im Textilhandel tätig, einige im Gebrauchtwarenhandel. Der Verkauf oblag nicht selten in Etagengeschäften den Frauen. Die Männer waren oft als Handelsvertreter tätig. Wegen günstiger Ratenzahlungen zählte vornehmlich die eher ärmere Bevölkerung des Westends zu ihren Kunden. Die Familien, die Textilhandel betrieben, wohnten zu einem großen Teil im Westend. Allein in der Hellmundstraße waren es in den 1920er Jahren 76 Personen. Als ostjüdische Geschäftsstraßen galten die Wellritz- und die Wagemannstraße, deren Erscheinungsbild insbesondere von den Gebrauchtwarengeschäften geprägt wurde.

Jüdische Geschäftsleute im Westend

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