Nachlass Rabbiner Dr. Leo Kahn

Eliezer (Leo) Lipman Kahn wurde am 7. September 1842 in Sulzburg geboren. Er studierte den Talmud bei den renommiertesten orthodoxen Rabbinern seiner Zeit: Altmann (Karlsruhe), Bamberger (Würzburg), Hildesheimer (Berlin). Daneben studierte er auch an der Universität; seine Doktorarbeit widmete er dem Thema „Jüdische Erziehung laut dem Talmud“.

Infolge der französischen Revolution (1789) verstärkte sich im europäischen Judentum das Streben nach rechtlicher Emanzipation, begleitet von tiefgreifenden Reformen innerhalb des Judentums. Gegen diese Reform stemmten sich namhafte orthodoxe Rabbiner, unter denen Samson Raphael Hirsch von Frankfurt zum Spiritus Rector wurde. Zu seinen gelehrtesten Schülern gehörten der Mainzer Rabbiner Marcus Lehman und Rabbiner Dr. Kahn, der 1869 orthodoxer Rabbiner in Wiesbaden wurde – ein halbes Jahr nach der Einweihung der Wiesbadener Reformsynagoge am Michelsberg.

In Wiesbaden, von wo aus unter dem Rabbinat Abraham Geigers (1932-38) das Reformjudentum seinen Siegeszug innerhalb des deutschen Judentums antreten sollte, galten Dr. Kahns Wirken und unermüdlicher Einsatz dem Ziel, neben der reformjüdischen Mehrheitsgemeinde eine orthodox-jüdische Infrastruktur zu etablieren: eine orthodoxe Synagoge, Schule und Internat, Ritualbad (Mikwe) und Friedhof sowie Lebensmittelgeschäfte mit koscheren Produkten. Seine größte Leistung bestand wohl darin, dass er die Zeichen der Zeit zu nutzen verstand, als das von Eduard Lasker eingebracht Austrittsgesetz am 28. Juli 1876 im Reichstag angenommen wurde. Dieses Gesetz ermöglichte es Juden, die (weitgehend liberale) Einheitsgemeinde zu verlassen, ohne dafür die personenstandsrechtliche Erklärung abgeben zu müssen, nicht mehr Jude zu sein. Auf der Basis dieses Austrittsgesetzes gelang es Kahn, die erste deutsche Altisraelitische Austrittsgemeinde Deutschlands – in voller Autonomie von der Reformgemeinde – zu gründen. Nach 67 Amtsjahren verstarb Dr. Kahn im Alter von 94 Jahren am 28. Oktober 1936 in Wiesbaden.

Die der Paul Lazarus Stiftung von einer Urenkelin Kahns überlassene Sammlung enthält bisher unveröffentlichte Dokumente: Schriftverkehr mit dem Königlich-Preußischen Staatsministerium, Schriftwechsel mit orthodoxen und reformjüdischen Kollegen, Predigtentwürfe, Entwürfe von Aufsätzen und Beiträge für die neoorthodoxe jüdische Presse. Zum Nachlass gehören außerdem Dokumente der Altisraelitischen Gemeinde sowie Dokumente privater Tagesgeschäfte.

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